Festrede zur Hauptkundgebung des Sudetendeutschen Tages

Autor: Bernd Posselt
Erscheinungsdatum: 23.5.2010

Bandabschrift einer frei gehaltenen Rede

Hohe Festversammlung, zunächst freue ich mich, jemanden zu begrüßen, und das war nicht immer der Fall bei den Bayerischen Ministerpräsidenten, so sehr wir sie auch geschätzt haben, der früher zu uns gekommen ist als erwartet, nämlich Horst Seehofer, der direkt aus Madrid hierher angereist ist. Wie Sie wissen, liebe Landsleute, hat der Bayerische Ministerpräsident, wie es sich gehört, an diesem Wochenende alle Termine abgesagt, um bei seiner und unserer bayerischen Mannschaft in Madrid zu sein – im Glück und im Unglück, wie es sich für einen Ministerpräsidenten gehört. Deshalb sind wir umso dankbarer, dass er gesagt hat: Einen Termin halte ich, nämlich den bei meinem Vierten Stamm.
Sehr geehrter Herr Bundesvorsitzender Franz Pany, sehr geehrte Ehrengäste und Kollegen aus dem Europäischen Parlament, aus dem Deutschen Bundestag und aus dem Bayerischen Landtag, sehr verehrte, liebe Sudetendeutsche Landsleute, liebe Landsleute aus Böhmen, Mähren und Schlesien beiderlei Zunge, liebe bayerische Landsleute, liebe deutsche Landsleute, liebe Landsleute, wie Franz Josef Strauß gesagt hätte, aus dem größeren Vaterland Europa, und – einige von Ihnen erinnern sich noch an den Sudetendeutschen Tag, sehr verehrte Frau Becher, 1977 in Wien, da stand Alfons Goppel bei der Kundgebung auf den Stufen der Hofburg am Heldenplatz und rief in den Platz hinein: Liebe Menschheitslandsleute! Ich darf Sie alle ganz herzlich hier willkommen heißen!
Dieser heutige 61. Sudetendeutsche Tag steht natürlich im Zeichen eines Leitworts, das sowohl in die Geschichte als auch in die Zukunft weist, wie dies mit der Arbeit unserer Volksgruppe insgesamt der Fall ist, und wie dies, Herr Weihbischof, heute auch in Ihrer sehr eindrucksvollen Predigt über Erlebnis- und Bekenntnisgeneration und ihre Aufgaben zum Ausdruck gekommen ist. Ich sage eines ganz klar: Erfolgreiche Politik darf nicht von Legislaturperiode zu Legislaturperiode hecheln, sondern sie muss sich am Wort des großen Denkers Edmund Burke im 18. Jahrhundert orientieren, des Verfassers der berühmten „Reflections on the Revolution in France“, der geschrieben hat: Politik ist verpflichtet der Generationenkette der Verstorbenen, in deren Tradition wir stehen und denen wir viel verdanken, der Lebenden, für die wir da sein müssen, und der künftigen Generationen, für die wir jetzt schon vorsorgen und vordenken müssen. Heutzutage nennt man dies Nachhaltigkeit. Und im Sinne dieser Idee der Generationenkette gestalten wir seit Jahrzehnten unsere Volksgruppenarbeit. Und Sie haben gerade an dem eindrucksvollen Wort der Sudetendeutschen Jugend gesehen: In diesem Geist und in diesem Sinn geht es auch weiter.
Wenn man in die Geschichte blickt, dann sieht man natürlich sehr viel Schatten und sehr viel Licht, sehr viel hell und sehr viel dunkel. Und es ist schon sehr viel, auch im Wort der Sudetendeutschen Jugend und auch in meiner Rede gestern, über unsere uralte Geschichte in Böhmen, Mähren und Schlesien gesprochen worden, über das Zusammenleben unter Premysliden und Luxemburgern, unter der heiligen Wenzelskrone, unter der Habsburger-Monarchie und dann im 20. und 21. Jahrhundert. Das alles wiederhole ich heute nicht, aber ich gehe auf einige Kerndaten ein, derer wir uns in diesem Jahr 2010 erinnern.
Liebe Landsleute, das fängt an mit einem Vorgang, der gar nicht so bekannt ist und der sicher seine Bedeutung hat. Im Europäischen Parlament in Straßburg hängt im dritten Stock,

lieber Milan Horácek, auf dem Stock, auf dem Ihr Grünen Euren Fraktionssaal habt, eine wunderschöne bunte Karte von den Nationalitäten und Siedlungsgebieten der österreichisch-ungarischen k. u. k. Monarchie. Ich habe immer wieder die Freude, Besucher und Kollegen zu dieser Karte in Straßburg zu führen und ihnen zu erklären, wo die Heimat der Sudetendeutschen, der Tschechen, der Ungarn, der Goralen, der Slowaken und der vielen Völkerschaften dieses einstmals blühenden Kleineuropa ist. Diese Karte wurde geschaffen vor genau hundert Jahren, im Jahr 1910, als zum ersten Mal und leider auch zum letzten Mal eine große fundierte Volkszählung in diesem Vielvölkerstaat durchgeführt wurde. Wenn man diese Karte sieht mit ihrer bunten Durchmischung, mit der gegenseitigen Befruchtung der Volksgruppen und der Völker, dann wird einem bewusst, was wir, Tschechen und Sudetendeutsche und andere Völker, verloren haben. Natürlich war es kein Paradies. Und natürlich wurden fürchterliche Fehler gemacht, an denen das Ganze nach Jahrhunderten des erfolgreichen Zusammenlebens zugrunde gegangen ist. Aber wir Tschechen und Sudetendeutsche können stolz auf diese Geschichte zurückblicken, was auch im Leitwort zum Ausdruck kommt, und aus dem Negativen unsere Schlüsse und Lehren ziehen. Ich darf Ihnen nur sagen, dass dieser Stolz auf die Jahrhunderte des Zusammenlebens nach Jahrzehnten der Gehirnwäsche Gott sei Dank auch wieder breitere Kreise des tschechischen Volkes zu erfassen beginnt. Wo man diese Geschichte der böhmischen Länder, der Wenzelskrone, der österreichischen Monarchie zu enttabuisieren beginnt und ein positiveres, sachliches Verhältnis zunehmend entwickelt, das Basis unserer Wiederbegegnung in der Geschichte sein kann.
Liebe Landsleute, dieses Zusammenleben in einem Kleineuropa hat uns ein bedeutendes Erbe hinterlassen in jenem Artikel des Staatsgrundgesetzes der Österreichischen Monarchie, der da hieß: Alle Volksstämme des Reiches sind gleichberechtigt. Es war nicht von Mehrheiten und Minderheiten die Rede, wie man es heute so unschön tut. In der Demokratie sind das wunderbare Ausdrücke. Es gibt eine Mehrheit, und die Minderheit kann dafür arbeiten, dass sie eines Tages die Mehrheit wird, und die Mehrheit, wenn sie nicht aufpasst, wird plötzlich zur Minderheit. Das ist der Gang der Demokratie. Aber bei Völkern und Volksgruppen ist es verheerend, zwischen großen und kleinen zu unterscheiden, Volksgruppen größeren und minderen Rechts. Und das hat ja leider Gottes alles zerstört. Wenn wir die Krankheitsgeschichte unseres Mitteleuropa und unseres Europa betrachten, dann muss man eben bedauerlicherweise sagen, der Nationalismus in allen Völkern und auch bei uns in den böhmischen Ländern auf beiden Seiten wurde im 19. Jahrhundert zur schweren Krankheit und im 20. Jahrhundert zur Pest.
Unsere Aufgabe ist es, dies in den Formen der Zeit demokratisch und partnerschaftlich auf gleicher Augenhöhe zu überwinden. Da denken viele gerne an das Jahr 1950. Gestern bei der Karlspreisverleihung an Erika Steinbach wurde sehr stark auf die Charta der deutschen Heimatvertriebenen, die dieses Jahr 60 Jahre alt wird, hingewiesen. So wichtig diese Charta ist – wir werden sie im Sommer im großen Stil feiern als Bund der Vertriebenen und als Landsmannschaften –, so müssen wir doch sehen, es gab in diesem Jahr 1950 noch ganz andere Ereignisse. Etwa den ersten Sudetendeutschen Tag in Kempten. Professor Rudolf Grulich, der Kulturpreisträger dieses Jahres, hat am Freitagabend in der Feierstunde darauf hingewiesen und hat gesagt: Wenn damals jemand den Menschen in Kempten gesagt hätte, dass es auch 2010 einen großen Sudetendeutschen Tag geben würde, 60 Jahr später, und dass die beiden Verantwortlichen an der Spitze und viele andere derzeit ja noch gar nicht geboren seien und erst in kommenden Jahren geboren werden würden, dann hätte man sie wahrscheinlich für verrückt erklärt. Aber wir sind da, und darauf können wir stolz sein.
1950 war aber auch das Jahr, und auch das sollten wir nicht vergessen, in dem Robert Schuman eine historische Erklärung für die Neukonstruktion Europas veröffentlicht hat. Wir haben das am 9. Mai in Straßburg gefeiert mit unserem polnischen Parlamentspräsidenten Jerzy Buzek, der übrigens die Schirmherrschaft über ein großes Vertriebenentreffen in Hinterpommern übernommen hat, bei dem ich im Herbst sprechen darf. Auch da bewegt sich Gott sei Dank etwas. Bei dieser Feier am 9. Mai wurde der großen Erklärung des christlichen

Europäers Robert Schuman, eines französischen Staatsmannes und Lothringers, gedacht. Und diese Erklärung war natürlich der Startschuss für die europäische Einigung von heute. Einer der Redner jetzt in Straßburg war der Fraktionsvorsitzende der Christdemokraten im Europaparlament, Joseph Daul, ein Elsässer. Er hat dort ausgeführt – und ich fand das sehr eindrucksvoll: Wenn Robert Schuman damals die Franzosen gefragt hätte: Wollt Ihr eine Aussöhnung mit den Deutschen? Wollt Ihr eine europäische Einigung mit Deutschland und Frankreich als Herzvölkern? Und hätte er darüber ein Referendum gemacht, es wäre mit 98 Prozent Nein und zwei Prozent Ja ausgegangen. Und Daul hat dann weiter ausgeführt: Schuman ist dann in die französische Nationalversammlung gegangen, wo er wegen seines deutschen Namens, obwohl französischer Staatsmann und Patriot, und seiner deutsch-lothringischen Herkunft von der Opposition mit einem schmähenden Rufe-Chor empfangen wurde, die gerufen haben „Boche, Boche, Boche“, also ein Schimpfwort für „Deutscher“ gegenüber dem eigenen französischen Außenminister benutzten, der den Mut hatte, diese Brücken zu schlagen. Und das ist der Unterschied zwischen Robert Schuman und einem anderen großen französischen Politiker 200 Jahre vorher, nämlich Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, von dem der Satz stammen soll: „Da zieht mein Volk, ich muss ihm hinterher, denn ich bin sein Führer.“ Genau das ist der Unterschied: Der Mut zu führen, die Menschen zusammenzubringen, oder sich opportunistisch den Zeitströmungen zu unterwerfen.
General Charles de Gaulle, der, obwohl selbst mit Robert Schuman nicht sehr einverstanden, diesen Aussöhnungsprozess fortgeführt hat, hat auch ein schönes Wort geprägt, das ist das Wort vom „paix des braves“, vom Frieden der Tapferen. Das heißt, dass die aufrechten Menschen auf beiden Seiten und gerade die, die besonders betroffen sind, aufrechten Hauptes und offenen Blickes aufeinander zugehen, nichts verdrängen, nichts beschönigen, nichts an den Beteiligten und den Betroffenen vorbei machen, sondern ehrlich auf der Basis von Wahrheit und Recht Partnerschaft und Aussöhnung suchen.
Geist von diesem Geist ist ein Friedensdokument aus dem Jahr 1950, das am Tag vor der Charta der deutschen Heimatvertriebenen verabschiedet wurde und das leider sehr oft vergessen wird. Lieber Alfred Herold, wir haben es jetzt in einer sehr eindrucksvollen Feierstunde in Wiesbaden begangen, das ist nämlich das Wiesbadener Abkommen zwischen Exiltschechen und Sudetendeutschen, geschlossen am 3. August 1950. Dieses Dokument ist von beeindruckender visionärer Kraft, was das künftige Verhältnis zwischen Tschechen und Sudetendeutschen betrifft. Man muss sich nur anschauen, wer dieses Abkommen geschlossen hat: Auf sudetendeutscher Seite war es der erste Sprecher unserer Volksgruppe, also der Vorgänger von Hans Böhm, der hier ist, von Franz Neubauer, der hier ist, von Walter Becher, dessen Witwe hier ist, und von Hans-Christoph Seebohm, nämlich Rudolf Ritter Lodgman von Auen. Dessen Unterschrift trägt dieses Dokument. Dieser Mann war wirklich ein aufrechter, starker Patriot. Und mit ihm haben unterzeichnet der unvergessene Gründer der Ackermann-Gemeinde, der christlich-soziale Hans Schütz, einer der Vorgänger von Dir, Christine, im Amt des bayerischen Sozialministers, der vielen von uns noch mit seiner weißen Nelke im Knopfloch in lebendiger Erinnerung ist, und der Gründer der Seliger-Gemeinde, der sudetendeutschen Sozialdemokraten, der ebenfalls unvergessene Richard Reitzner. Und die Volksgruppe hat eben diese Stärke gehabt, in der Geschlossenheit ihrer verschiedenen politischen Lager ihre Vielfalt zu bewahren und gleichzeitig schon drei Jahre nach der Vertreibung, die ja erst 1947 zu Ende gegangen ist, diesen großen Schritt hin auf das tschechische Volk zu tun. Der tschechische Partner war General Lev Prchala, den dann die Prager Propaganda mit Hass und Abscheu überzogen hat und gesagt hat: Das ist ein Verräter, das ist ein Knecht und Quiesling der Sudetendeutschen, er ist von ihnen bezahlt im Exil. Dabei war Prchala ein tschechischer patriotischer General, der 1938 kämpfen wollte gegen Hitler und nicht wie sein Präsident Beneš der Devise gefolgt ist Benes-Plan, Äro-Plan und sich abgesetzt hat.
Deshalb, liebe Landsleute, sollten wir diesen Dokumentes gedenken, das noch über die Charta hinausgeht, denn die Charta ist eine einseitige Erklärung. Und dieses Dokument des Wiesbadener Abkommens ist die beidseitige Vereinbarung, die Zukunft gemeinsam zu gestalten, zwischen den freien Tschechen im Exil, die anderen waren unterdrückt vom Sowjetkommunismus, und der Volksgruppenrepräsentanz der Sudetendeutschen quer durch alle politischen Lager. Daran gilt es anzuknüpfen, zwanzig Jahre nach der Wende von 1990, derer wir auch in diesem Jahr gedenken, und 65 Jahre nach dem Beginn der furchtbaren Vertreibung.
Jetzt gibt es natürlich Menschen, die sind pessimistisch. Wir haben viele Rückschläge erlitten, obwohl wir in unseren Heimatorten, Heimatkreisen, Heimatlandschaften auch viele Erfolge erlebt haben. Vorhin kamen laufend Landsleute zu mir. Alfred Herold hat ein Buch gemacht über seine Aktivitäten in Nordmähren, der Tscheche Petr Anderle über seine Aktivitäten in der gleichen Region. Es waren Landsleute da vom Willy-Wanka-Kreis, die nächsten Mittwoch in Aussig an der Brücke wieder eine Gedenkstunde für die Toten dort durchführen, in Kaaden an der Eger, in Postelberg – an vielen Stellen gibt es Gott sei Dank positive Zeichen des Zueinanderfindens.
Ich selbst hatte das große Glück, vor wenigen Tagen in Karlsbad anlässlich einer Fraktionssitzung der Europäischen Volkspartei im Land selbst den Film zu sehen, den Franz Pany schon erwähnt hat, nämlich den Film, der den provokanten Titel trägt: Die tschechische Art zu töten. Als ich diesen Titel in der Sudetendeutschen Zeitung gesehen habe, da hat es mir zuerst einmal den Atem genommen. Ich dachte: Um Himmels willen, da sind wir vielleicht ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen. Und dann lese ich den Artikel – übrigens kann ich Ihnen allen empfehlen, auch die Sudetendeutsche Zeitung zu abonnieren, kann ich jedem empfehlen, weil dann ist man wirklich am neuesten Stand – und stelle fest, das ist ein Titel, den ein tschechischer Regisseur einem tschechischen Film gegeben hat, der in der Hauptsendezeit des staatlichen Fernsehens um 20.00 Uhr Bilder von einer Grausamkeit gezeigt hat, wo ich ehrlich sagen muss, dass ich nicht den Mut gehabt hätte, so etwas im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu zeigen, nämlich die fürchterlichen Massaker, die es an Sudeten-deutschen gegeben hat nach dem Krieg in Prag, in Postelberg und anderswo. Wissen Sie, wenn man immer wieder fragt: Welchen Erfolg hat landsmannschaftliche Arbeit? Führt der Dialog, führt das Gespräch wirklich zu etwas? Dann sind der Beweis dafür, dass es zu etwas führt, nicht nur Menschen, wie sie hier anwesend sind, wie unser Karlspreisträger Petr Uhl, ehemals Sprecher der Charta ’77, oder die Landsleute Toman Brod oder Oldrich Stránský, die als ehemalige Auschwitzhäftlinge hier am Sudetendeutschen Tag ihre Verbundenheit bekunden, wie auch viele andere tschechische Gäste. Sondern, wenn man sich nach dem Erfolg der sudetendeutschen landsmannschaftlichen Arbeit erkundigt, dann muss man eben auch feststellen, dass zum Beispiel der Journalist, der diesen eindrucksvollen Dokumentarfilm mit großem Mut und bisher verschollenen Aufnahmen gestaltet hat, ein langjähriger Dialogpartner unserer Landsmannschaft in der Tschechischen Republik ist, dass er der Student eines anderen langjährigen Dialogpartners, Professor Rudolf Kucera, ist, dass es jemand ist, der schon in der Zeit von Franz Neubauer, als Franz Neubauer heftig diffamiert wurde, den Mut hatte, ein sachliches Portrait des damaligen Sprechers für die tschechischen Medien zu drehen. Jetzt kommt er mit dieser Dokumentation. Was das Eindrucksvolle ist, das ist ja keine Einzelaktion mehr. Dass das staatliche Fernsehen so etwas quasi am Jahrestag des Kriegsendes, aus Anlass des 65. Jahrestags des Kriegsendes, wo sonst nur Jubelfilme gezeigt wurden, zur besten Sendezeit zeigt und dass die Diskussion seitdem nicht abgeebbt ist und dass sie vorwiegend sachlich und vernünftig verläuft, das zeigt doch: Steter Tropfen höhlt den Stein. Und wir müssen einfach geduldig unser Anliegen vorantreiben, bis es auch die kapiert haben, die leider Gottes mit einem Mangel an Sensibilität und geistiger Flexibilität ausgestattet sind.
Ich darf in diesem Zusammenhang auch noch erwähnen die tschechischen Kirchen. Und gerade heute hat uns ja die traurige Nachricht erreicht, dass unser Karlspreisträger Bischof Josef Koukl von Leitmeritz, mein Bischof, möchte ich sagen, gestorben ist. Aber wir wissen, dass wir unter den Christen in der Tschechischen Republik weiterhin viele Verbündete haben. Ich danke auch dem neuen Prager Erzbischof Dominik Duka, dass er in Anwesenheit des tschechischen Staatspräsidenten Václav Klaus und aller Vertreter der Tschechischen

Republik bei seiner Amtseinführung im Veitsdom in Prag seine Predigt begonnen hat, indem er sich gewandt hat an die Landsleute tschechischer und deutscher Sprache und indem er gesagt hat, dass diese blühende Stadt zu verdanken ist dem Zusammenwirken zwischen Tschechen, Deutschen und Juden und dass dieses Zusammenspiel eben diese Werte geschaffen hat und nicht der Gegensatz.
Deshalb kommt es jetzt darauf an, das Eisen zu schmieden, solange es noch heiß ist. Ich habe keine Illusionen. Ich weiß, wie viel Borniertheit und wie viel Nationalismus es nach wie vor gibt. Und als jemand, der immer wieder an der Front steht, wie auch Erika Steinbach, die wir gestern ausgezeichnet haben, weiß ich, mit wie vielen Kübeln von Mist man immer wieder überschüttet wird, wenn man diese Schritte geht. Aber ich glaube trotzdem, dass wir ermutigt sein können, weil wir uns hier auf einem richtigen und guten Weg befinden. Deshalb ist jetzt in der Tat der geschichtliche Zeitpunkt gekommen, wo die führenden Repräsentanten der Volksgruppe mit dem Schirmherrn und Ministerpräsidenten in vielen Gesprächen, die haben wir schon zum Teil geführt, zum Teil liegen sie noch vor uns, ein Ereignis vorbereiten, das von großer Bedeutung ist und das wir auch begleiten wollen, geistig, inhaltlich und physisch, nämlich der Besuch unseres Schirmherrn und Ministerpräsidenten in der zweiten Jahreshälfte in der Tschechischen Republik.
Dieser Besuch wird nicht die Welt verändern, aber er wird auch nicht, wie Franz Pany mit recht gesagt hat, eine Teestunde auf der Burg sein mit zwei Sätzen „Übrigens gibt es da noch Sudetendeutsche“. Sondern dieser Besuch wird breit angelegt sein als ein Besuch bei der tschechischen Politik, bei der tschechischen Gesellschaft und beim tschechischen Volk. Wir wollen eine starke bayerisch-tschechische Partnerschaft mit den Sudetendeutschen als Kern und treibender Kraft. Wir waren das zweite Volk der böhmischen Länder bis zur Vertreibung. Wir sind der Vierte Stamm Bayerns. Daraus kommt natürlich unsere automatische Brückenfunktion. Wir haben große Aufgaben, die wir anpacken müssen. In Europa, im Europäischen Parlament hat sich endlich auf Initiative einer lettischen Kollegin, der früheren Außenministerin Sandra Kalniete, die direkt vor mir sitzt in Straßburg, eine Arbeitsgruppe gegründet, deren Mitglied ich bin, wo ganz unterschiedliche Persönlichkeiten aller Nationen sind, und die hat den Titel „Versöhnung der Geschichtsbilder“. Im Aufruf zu ihrer Gründung steht ganz klar drin, es soll nichts beschönigt und nichts geschmuggelt und nichts auf die Seite gedrängt werden. Sondern wir wollen zuerst einmal eine Aussprache über alles, was im 20. Jahrhundert passiert ist, schonungslos und wahrhaftig. Und dann wollen wir miteinander reden, wie wir den Ausgleich zwischen diesen Geschichtsbildern herbeiführen können, dass am Schluss die Wahrheit und nichts als die Wahrheit steht.
Wir haben endlich in der Europäischen Kommission, die jahrelang schamlos und schmählich versagt hat – und das Versagen hat auch einen Namen, nämlich Günter Verheugen –, eine Grundrechtekommissarin, die Luxemburgerin Viviane Reding, mit der ich viele Jahre nebeneinander im Innenausschuss des Europaparlamentes saß, die jetzt zuständig ist für Menschenrechte und für Volksgruppenrechte. Ich habe letzte Woche mit ihr vereinbart, und wir haben auch schon ein entsprechendes Gremium geschaffen, wir gehen jetzt an die Ausarbeitung eines Europäischen Volksgruppenrechtes, wie es unsere Landsmannschaft seit Jahrzehnten vorbereitet und ausgearbeitet hat. Es ist höchste Zeit, dass Europa nicht mehr volksgruppenblind ist, sondern erkennt, dass die Volksgruppen und das Recht auf die Heimat seine Fundamente und seinen Reichtum ausmachen. Wir sind entschlossen, das Thema Vertreibung zu internationalisieren und dafür zu kämpfen, dass Vertreibung nicht weiterhin zu einem Mittel der Politik gemacht wird, wie dies nach wie vor weltweit geschieht. Deshalb muss es endlich eine europäische Initiative geben, um in den Vereinten Nationen ein kodifiziertes Verbot von Vertreibung, Zwangsassimilierung und Unterdrückung zu verankern. Unsere Aufgabe ist es, gegen Unrechtsdekrete wie die unseligen Benes-Dekrete zu kämpfen, die nach wie vor das Verhältnis zwischen den Völkern vergiften.
Vor 20 Jahren, 1990, haben wir unseren Sudetendeutschen Karlspreis dem ungarischen Volk verliehen aus Dank dafür, dass es den Eisernen Vorhang geöffnet hat. Der neugewählte Präsident des Ungarischen Parlamentes, mein Freund und Kollege Pál Schmitt, der bisher

im Europäischen Parlament saß – das ist der erste gewählte Amtsträger in dem neuen Ungarn seit der letzten Wahl –, hat mich ausdrücklich beauftragt, den ganzen Sudetendeutschen Tag von Herzen von ihm zu grüßen. Und er und der zukünftige Ministerpräsident Viktor Orbán haben gesagt, sie werden in Zukunft bei jedem Sudetendeutschen Tag repräsentiert sein, denn auch sie erleben, wie stark dieser Ungeist der Benes-Dekrete weiterwirkt.
Damit das klar ist: Wir werden auf keinen Fall uns in irgendwelche antitschechische, antislowakische oder sonstige Koalitionen begeben. Die Zeit der nationalistischen Koalitionen ist in Europa Gott sei Dank vorbei. Wir werden gemeinsam mit unseren österreichischen und ungarischen Freunden und unseren Freunden in der Tschechischen Republik und in der Slowakei, das sind leider noch nicht die Regierenden – aber in einer Woche ist in der Tschechischen Republik Wahl, und wir hoffen, dass sich da etwas bewegt –, dafür kämpfen, dass endlich diese Unrechtsdekrete beseitigt werden. Wir können niemals akzeptieren, dass sie weiter bestehen, denn wir sehen gerade im Moment zum Beispiel an den aktuellen Spannungen zwischen Ungarn und der Slowakei, dass das richtig ist, was ich vor vielen Jahren am Sudetendeutschen Tag gesagt habe: Da ist ein Virus eingeschleppt worden. Und dieser Virus muss endlich weg. Wir brauchen ein gesundes Zusammenleben der Völker.
Das alles braucht eine geistige Basis. Denn Europa kann nicht auf der Basis von Willkür errichtet werden. Ich hatte das Glück, den 40. Jahrestag des Kriegsendes, 1985, im Europäischen Parlament in Straßburg zu verbringen, damals noch als ganz junger Assistent. Damals sprach Ronald Reagan, ein großer Europäer, obwohl Amerikaner. Reagan war damals eingeladen zu einer Siegesfeier nach Moskau, er hat übrigens die Einladung nicht angenommen, sondern ging stattdessen ins Europäische Parlament nach Straßburg. Er hat eine Rede gehalten, in der er damals, 1985, unter dem Entsetzen der Kommentatoren gesagt hat: Am Ende des Jahrhunderts wird man ohne Pass von Lissabon bis an die Grenzen Russlands reisen können. Da haben alle gesagt, der Mann sei total verrückt, Cowboy ballaballa, senil. Heute wissen wir, dass das wirklich historisch war, dass das wirklich etwas war, was visionäre Kraft hatte. Aber er hat nicht nur das gesagt, und er hat auch nicht nur den Bau Europas mit dem Straßburger Münster verglichen, auch das ein schönes Bild, warum ich ja für die Europahauptstadt Straßburg eintrete. Sondern er hat etwas gesagt, was ganz entscheidend ist: „Europa, liebes Europa, Du bist größer als Du glaubst. Werde endlich Du selbst.“ Ein schöner Satz. Und als Christ wusste er ganz klar, dass dieses „Man selbst werden“ nur aus christlicher Wurzel erfolgen kann. Und es ist unsere Aufgabe, gegen ein materialistisches Mogeleuropa die Vision eines christlichen Europa der Völker und Volksgruppen, Staaten und Regionen und der Menschen zu setzen, die im Glauben – und das hat Bischof Ladislav Hucko aus der Tschechischen Republik heute sehr schön gesagt – zusammenfinden, die wissen, dass sie in erster Linie Christen sind und dann erst alles andere kommt. Genau dies meinen wir mit unserem Leitwort. Ich möchte wirklich diese Gelegenheit nutzen, um denen – was ich verstehe –, die in der Mühsal des Alltags manchmal den Mut verlieren, zuzurufen: Wir müssen wir selbst werden und bleiben. Dann haben wir auch eine entsprechende Zukunft. Ich war gestern in der eindrucksvollen Veranstaltung, in der die Sudetendeutsche Jugend ihre neue politische Erklärung, die ich sehr begrüße, vorgestellt hat. Und da war eine junge Dame unter den Rednern, die so nebenher ihr Alter erwähnt hat, als sie – übrigens auch rhetorisch und inhaltlich sehr gut – gesprochen hat. Und sie hat gesagt, sie sei Jahrgang 1986. Da habe ich mal nachgerechnet, dass diese junge Dame beim 100. Sudetendeutschen Tag noch nicht einmal in Pension sein wird. An diesem Beispiel sehen wir: Unsere Volksgruppe ist im Umbruch. Natürlich werden wir nicht mehr die Zahl haben, aber wir werden eine starke, kompetente Gemeinschaft bleiben, die sich ihrer Wurzeln bewusst ist, die aber auch entschlossen ist, aus christlich-europäischem Geist heraus gegen Nationalismus und gegen Egoismus Zukunft zu gestalten. In diesem Sinne sollten wir Optimisten sein. Jemand hat gesagt: Optimismus ist der Realismus des Erfahrenen. Das ist übrigens ein sehr schönes Wort. Otto von Habsburg – er ist heute hier durch das Ehepaar Dressler vertreten, wird dieses Jahr 98 Jahre alt und kann nicht mehr kommen, aber er lässt Sie herzlich grüßen – hat das sehr schöne Wort geprägt, dass er versteht, wenn ein Junger pessimistisch ist. Das hat er mir als Jungem gesagt. Er hat gesagt: Ich verstehe noch, wenn Junge pessimistisch sind. Junge haben ja keine Erfahrung. Aber wer im Alter pessimistisch ist, mit dem kann etwas nicht stimmen, meinte Otto von Habsburg, um dann fortzufahren: Der hat doch erlebt wie ich auch, welche unvorstellbar tiefen Talsohlen, Wüsteneien wir durchlaufen haben. Und wenn man sieht, dass wir heute wieder die Möglichkeit haben bei allen Schwierigkeiten, die Zukunft zu gestalten, fest in der Geschichte verwurzelt, dann darf uns nicht der Mut verlassen. Und wir sollten an das große Wort des Papstes Johannes Paul II. denken, der gesagt hat: Reißt die Fenster auf! Lasst frische Luft herein! Habt keine Angst! Das, liebe Landsleute, ist ein ganz entscheidendes Wort. Habt keine Angst. Wir wollen die Fenster aufreißen, wir wollen die frische Luft herein lassen, wir wollen einen festen und realistischen Blick in eine bessere Zukunft tun.


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